Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung- Reiner Wein

Reiner Wein

Wer Cola packt,

packt auch diese Tropfen

 

Viele Konsumenten erschrecken bei der Erwähnung von Säure im Wein, obwohl sie 
die eigentlich mögen. Stuart Pigott über eine harmlose Schizophrenie.

Ich trinke ausschließlich Rotwein, Sekt oder Champagner. Weißwein ist mir zu sauer“ – diese Aussage hört man recht häufig. Und eigentlich ist gegen solch klare Bekundungen persönlicher Geschmacksvorlieben nichts zu sagen, denn so lässt sich vermeiden, dass der Gast die falsche Flasche ordert. Dennoch gilt es bei dieser konkreten Bestellung einen Irrtum aufzuklären: Rotweine nämlich sind tendenziell säurearm, Schaumweine wie Sekt und Champagner aber fast immer säurereich, die meisten sogar säuerlicher als stille Weißweine.

Es lohnt sich, ein wenig weiter über diese „Geschmacksschizophrenie“ nachzudenken. Für die meisten ist es zum Beispiel eine ziemliche Überraschung, dass der Säuregehalt von Orangensaft mit dem vieler Weißweine vergleichbar ist. Cola und andere Erfrischungsgetränke sind sogar noch säurereicher als Weißwein und können mit den säuerlichsten Schaumweinen in dieser Hinsicht gut mithalten. Wer bei Cola keine Magenprobleme hat, wird also zumindest in dieser Hinsicht auch die säurereichsten Weiß- und Schaumweine problemlos packen.

Ob sie einem schmecken, ist natürlich eine ganz andere Frage. Cola enthält etwa zehn Prozent Zucker, Champagner typischerweise nur um ein Prozent; Zucker ist ein fundamentaler Geschmacksfaktor und Geschmacksträger. Sauer macht nicht immer lustig, und ein Wein, der aufgrund von übermäßiger oder unreifer Säure sauer oder bissig schmeckt, ist definitiv unlustig. Doch einem harmonischen Weißwein verleiht die Säure Frische und Brillanz. Im Jahrgang 2013 fielen die Weine in Deutschland von Natur aus tendenziell säurebetont aus. Das konnte manchmal ein Zuviel bedeuten, aber wo ein Winzer ausgezeichnete Arbeit in Weinberg und Keller leistete, kam häufig brillanter Stoff auf die Flasche.

Zu diesen herausragenden 2013er Weinen gehört zweifellos der trockene Riesling Wurmberg vom Weingut Dautel in Bönnigheim/Württemberg, und er beginnt jetzt erst, seine wahre Größe zu zeigen. Christian Dautels Wurmberg duftet nach Zitrone und frischen Kräutern, schmeckt aber beileibe nicht so sauer wie Zitronensaft. Hier puffern die Mineralien vielmehr geschmacklich die Säure im Wein und lassen ihn animierend und belebend wirken. Dagegen erscheint Dautels 2013er Riesling GG „Grübenstein“ trotz eines vergleichbaren Säuregehalts geschmacklich weicher, weil er deutlich mehr Körper und Aroma mitbringt (unter anderem Orange – ein ganz seltenes Rieslingaroma).

Unabhängig davon, ob im Glas Cola oder solche hochwertigen Weine sind, ist unsere Wahrnehmung der Säure abhängig vom Zusammenspiel der Inhaltstoffe, nicht allein vom Säuregehalt. Der 2013er Weißburgunder „S“ von Christian Dautel bringt tatsächlich weniger Säure ins Spiel, weil diese Traubensorte deutlich säureärmer als Riesling ist; aber auch hier gibt es immer noch genug davon, um diesem kräftigen, schmelzigen Wein eine gewisse Spannung zu verleihen. Sie merken schon: Säure kann etwas sehr Positives sein.

Der 2013er Riesling Wurmberg vom Weingut Dautel kostet 12,40 Euro, der 2013er Weißburgunder „S“ und der 2013er Ries- ling GG „Grübenstein“ 20,50 Euro. Weitere Infos unter www.weingut-dautel.de und Te- lefon 07143 / 870326.

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